Verfasst von SchVVarzer Peter am 12 Mai, 2008

Was war das nur für ein Leben, als es noch keine Computer gab, da war ich nur einer unter vielen. Heute aber dank dieser wunderbaren Technik bin ich wer, Brad Pitt, George Clooney, Tom Cruise, alles armselige Figuren gegen mich… den Internethelden.
Ich brauche nicht mehr mit gutaussehenden Typen, denen „ich bin saugut im Bett“ förmlich auf die Stirn tätowiert zu sein scheint, zu konkurrieren. Coole und lockere Sprüche wie „schau mir in die Augen, Kleines“ oder „Du bist der schönste aller Sterne“ muss ich mir auch nicht mehr einfallen lassen. Rasierwasser, Deo, Haarspray, tägliche Rasur und Designer-Klamotten, all das brauche ich nicht mehr. Meine Gabor Schuhe sind nun Birkenstock-Imitaten gewichen und meine Hemden kaufe ich bei Woolworth auf dem Grabbeltisch. Discos, Szene-Lokale oder Partys waren gestern, heute habe ich meinen Computer und das Internet.
Die Frauenwelt liegt mir zu Füßen.
Ich kann rund um die Uhr in meinem ballonseidenen Trainingsanzug Größe XXXXL (weil dadurch selbst ein Dinosaurier schlank und sportlich aussieht) vor dem Computer sitzen und mit den schönsten Frauen flirten. Nicht mal meinen schwabbelnden Bierbauch und die Elefanten-Oberschenkel muss ich kaschieren. Meine verfilzten Tennissocken und die für 1,99 Euro erstandenen ALDI-Plastik-Puschen darf ich auch ungestört tragen.
Denn jetzt habe ich einen Computer.
Nun besitze ich dieses Wunderwerk der Technik und schon klappt es wieder mit den Frauen.
In den schier unendlichen Weiten des Internet finden sich immer neue und bessere Foren, Chatrooms und Bekanntschaft-Plattformen wo willige weibliche Opfer auf einen Helden wie mich nur warten.
Nur ein paar Tage nett und charmant chatten, dazu einige liebe und schmalzige Mails, am besten noch mit ein paar geklauten Gedichten, und schon steht einem erfolgreichen Wochenende irgendwo in Deutschland nichts mehr im Weg.
Und das schaffe ich alles locker mit Bierbauch, Dosenbier, Unterhemd und Pantoffeln, unrasiert, Chips fressend und rülpsend vor dem Computer, indem ich mich hier als „toller Supertyp“ definiere, alles zuschleime was nach „Weibchen“ riecht, witzig wie Helge Schneider bin und auf alles und jedes einen coolen Spruch habe.
Natürlich bin ich immer ein erfolgreicher Selbständiger (natürlich Single) Adonis mit Traumfigur, erniedrige mich freiwillig bis eine Steigerung kaum mehr möglich ist, um den Frauen im Chatraum zu gefallen, verstehe grundsätzlich ALLE Frauen und finde sowieso ALLE Frauen supertoll.
Zu Beginn des Internetbooms waren Frauen noch eine eher seltene Spezies im Internet und es dauerte schon einige Zeit ein System zu entwickeln, die „wirklichen Frauen“ zu erkennen und nicht auf die vielen notgeilen Männer im „Frauenkostüm hereinzufallen.
Aber nach einiger Zeit hat man das heraus. Frauen haben ein ganz anderes Vokabular, bedienen sich bestimmter männertypischen Ausdrücke nicht und beenden sofort den Chat wenn das Gespräch zu Beginn schon in den persönlichen Bereich geht, oder gar – ich nenne es mal – niveaulose Ausdrücke benutzt werden.
Sich als Frauen ausgebende Männer hingegen gehen auf alles ein, je niveauloser oder gar sexistischer umso freudiger und freizügiger reagieren sie. Man(n) braucht also nur ein zweites Browserfenster mit einem zweiten Nicknamen aufzumachen, wo man dann diese üblen Sprüche verbreitet. Mit diesen findet man die echten Frauen und unter seinem Adonis-Nicknamen nimmt man dann die so angegriffen Frauen eloquent und charmant in Schutz. Der „vermeindlich“ üble Bursche verschwindet dann wieder schnell von der Bildfläche.
Wirkungsvoller Trick mit Doppelwirkung!

Viele Frauen mögen noch immer DEN Helden. Sprüche wie: „Ich hasse es, wenn jemand so mit einer Frau spricht“ und/oder etwas in der Art zu faseln wie: „Tiefstem Respekt vor Frauen“ zeigt noch immer seine Wirkung, so simpel diese Sprüche auch sind.
Ist mir das „Internet-Weibchen erst mal ins Netz gegangen, mache ich ihr recht schnell klar, dass ich nicht in der üblichen Art und Weise an ihr interessiert bin und „anbaggern“ weder zu meinem Wortschatz noch zu meinem Gedankengut zählt.
Natürlich vermittele ich ihr dies nur unterschwellig, sozusagen zwischen den Zeilen, unterhalte mich mit ihr weiterhin zwanglos, stelle selbstverständlich kaum Fragen, zeige mich aber an allem was sie zu sagen hat höchst interessiert.
Zu Beginn erzählen die Cyber-Weibchen meist Geschichten wie: „Ich bin gerne unter Menschen, in der freien Natur und gehe mit Bekannten aus, treibe viel Sport liebe Veranstaltungen, Weinfeste, Biergärten und mag Saunalandschaften“, aber wann bitte machen sie das, wenn sie jeden Tag und selbst bei 40 Grad im Schatten nur im Internet rumhängen?
Aber das muss mich nicht interessieren, ich möchte ja nicht heiraten sondern nur ein Date, also lausche ich weiter: „Ich lese auch gute Literatur und schreibe gerne Gedichte“, dass sie im Chatraum kaum einen fehlerfreien Satz beherrschen ist für mich aus bekannten Gründen ebenfalls nicht von Bedeutung… im Bett muss man schließlich nicht schreiben können.
Irgendwann verabschiede ich mich artig, wünsche ihr eine schöne Nacht mit „Träumen so süß wie Honig“ und um zu unterstreichen, dass ich sie nicht angraben will sage ich zum Schluss noch „ich bin ja eher selten hier, aber vielleicht liest man sich ja mal wieder“.
Spätestens jetzt beginnt sie mich interessant zu finden und ich kann mir sicher sein, dass das Cyber-Weibchen am nächsten Tag im Chat schon sehnsüchtig auf mich wartet.
Natürlich enttäusche ich sie nicht und bin am nächsten Tag „rein zufällig“ doch mal kurz da, nicht aber ohne sie vorher mit anderem Nicknamen ein wenig beobachtet und getestet zu haben.
Heute ist die Vertrautheit natürlich viel größer, ich lausche „scheinbar“ aufmerksam ihrem üblichen belanglosem Gerede, zwischendrin lasse ich einfließen, wie anstrengend doch mein Arbeitstag war, aber die Zufriedenheit meiner vielen Kunden eine Entschädigung dafür sei.
Die Wahrheit, dass ich heute Ärger mit dem Amt wegen Hartz IV hatte, weil ich es zum x-ten Mal versäumt hatte Terminen nachzukommen, erwähne ich natürlich nicht.
Das Gespräch wird nun persönlicher und irgendwann werden dann auch – von dem Cyber-Weibchen noch mit ein wenig Misstrauen betrachtet – E-Mail-Adressen einseitig ausgetauscht, was meint; ich gebe ihr meine Adresse und lasse ihr somit den Spielraum eine Mail zu schreiben, ob und wann sie möchte.
Mit dem gleichen Ritual des Vortags verabschiede ich mich artig, dieses Mal ein wenig früher – da ich ja am nächsten Tag einen frühen Kundentermin habe – um die Spannung ein wenig zu erhöhen.
Außerdem gebe ich ihr damit genug Zeit eine ellenlange Mail zu schreiben, die ich natürlich am nächsten Morgen in meinem Postfach vorfinde.
Inhalt der Mail ist gewohnterweise das übliche Bla, Bla, Misstrauen, schon so oft enttäuscht usw., das ganze Repertoire eben.
Aber dass ich ganz anders bin, will sie natürlich sofort erkannt haben.
Also kann ich mich schon mal genüsslich zurücklehnen und einen Whisky auf das Date am Wochenende trinken. Wo ich die Kohle für das Date herbekomme, da mir ja Hartz IV gestrichen wurde, ist in dem Moment nebensächlich.
Nun bereite ich schon mal meine Antwort auf ihre Mail vor, in dem ich im Internet ein schönes Gedicht suche und es ihr als meine niedergeschrieben Gedanken der Nacht an einen wundervollen Menschen verkaufe. Noch ein wenig den „Frauenversteher“ herauskehren in dem ich ihr Geschichtchen von Freundinnen, die sich bei mir aussprechen und für deren Probleme ich immer ein offenes Ohr habe, erzählen, kann nie schaden.
Die Mail schicke ich ihr dann im Laufe des Nachmittags über die „fiktive“ (was für ein Wort bei diesen Absichten) E-Mail-Adresse eines Geschäftsfreundes, da ich sie so lange bis zum Abend nicht warten lassen wollte mit meiner Antwort.
So gehen am frühen Abend einige Mails hin und her, bis ich langsam selbst den Müll den ich schreibe zu glauben beginne. Es schützt vor Widersprüchen!
Freudig und überschwänglich werde ich dann am Abend im Chat begrüßt, fast schon so, als würden wir uns Jahre kennen… so schnell geht das.
Nach dem anfänglichen und üblichen inhaltsleerem Geschreibe bereite ich nun behutsam den nächsten Schritt vor. Das Telefonieren!
Der Tag war anstrengend, von einer Konferenz zur anderen, Geist und Augen sind müde, es fällt mir schwer mich auf meinen Bildschirm und die Tastatur zu konzentrieren, vermittle ich nun dem Cyber-Weibchen. Verständnisvoll aber ein wenig traurig beginnt sie nun mit dem Gute Nacht Verabschiedungsritual, bis mir plötzlich DIE Idee kommt.
Man könne doch ein wenig telefonieren, dies strenge ja nicht so an und überhaupt wäre es doch schade nun schon ein Break machen zu müssen, schreibe ich ihr nun, begleitet von ein paar weiteren liebevollen und einstudierten Worten, natürlich nicht ohne zu erwähnen, dass SIE mich selbstverständlich auf meiner Festnetznummer die ich sonst niemandem gebe (es ist eine von 10 Telefonnummern die ich wechselweise nur für Internet-Weibchen reserviert habe) anrufen kann.
Natürlich zögert sie zuerst ein wenig, schließlich ist sie ja eine Frau und Dame außerdem, aber nach einigem kokettieren ist es dann soweit, ich darf ihr meine Telefonnummer gegen.
Nicht ohne nochmals zu erwähnen, dass ich diese Nummer sonst niemals rausgebe, schicke ich sie ihr nun zu.
Eine sehr angenehme Telefonstimme wurde mir schon oft bescheinigt, so dass ich nun siegessicher in diese Runde einsteige.
Der Anruf lässt auch nicht lange auf sich warten.
Nach kleinen Anlaufschwierigkeiten beginnt das Eis zu schmelzen, geschickt überwinde ich jede Hürde und finde immer wieder ein Thema. Meine Zeit als Türdrücker für Zeitungen und Staubsauger, aber auch die vielen Gespräche auf den Ämtern erweist sich nun hinsichtlich meiner Redegewandtheit und Rhetorik als ausgesprochen nützlich.
Nun kommt die letzte und schwierigste Phase. Fototausch!
Das Tauschen von Fotos an sich ist kein Problem mehr, dann das Vertrauen ist mittlerweile nahezu grenzenlos, aber kann auch mein Foto überzeugen? Und noch viel wichtiger, ist das Cyber-Weibchen auch hübsch, oder habe ich nur drei Tage Zeit am Computer vergeudet?
So schicke ich ihr also mein bestes und einzig brauchbares Bild, auf dem ich – vorsichtig formuliert- sehr schmeichelhaft getroffen bin. Im Regelfall ist das Bild nicht mehr ganz so wichtig, da ich vorher schon die halbe Ernte eingefahren habe.
Meist kommt dann auch unmittelbar ein Bild von ihr, nur in ganz seltenen Fällen entsteht plötzlich ein Vakuum. Ist das Bild dann auf meinem PC, beginnt für mich die Entscheidungsfindung ob ich sie überhaupt möchte. Zu Beginn meiner „Cybertätigkeit“ war ich noch wenig wählerisch, aber mittlerweile kann ich mir schon aussuchen, welches Cyber-Weibchen zu mir passt. Ich bin doch der Held hier!
Also sollte sie schon besonders hübsch sein, und mindestens zwanzig Jahre jünger ist eine Grundvoraussetzung.
Der letze Schritt ist nun nur noch reine Routinearbeit.
Da ich nun mal lieber 500 km zu einer Frau aus dem Internet fahre, da das Kennenlernen von Frauen in meiner realen Umgebung für mich mittlerweile ein unüberwindliches Hindernis darstellt, erfinde ich also schnell einen Freund, guten Bekannten oder Verwandten in Ihrer Nähe. Manchmal muss auch ein Geschäftstermin herhalten… bei der Gelegenheit könnte man sich doch mal ganz unverbindlich auf einen Kaffee treffen, lasse ich dann in das Gespräch einfließen.
Da Frauen solche Blind Dates lieber in der Anonymität eines Restaurants oder Cafés‘ bevorzugen als in ihrem Zuhause, muss ich vorerst zu dieser Variante greifen.
Das Date in einem Cafe‘ vor Ort steht also, aber dies ist mir noch nicht genug.
Einen Tag vor dem Date muss ich dann leider absagen, da mein Bekannter, Verwandter etc. plötzlich geschäftlich (er ist selbstverständlich ebenso ein VIP wie ich) verreisen musste.
Traurigkeit macht sich natürlich schnell breit, aber um meine „ehrlichen Absichten“ nachhaltig zu unterstreichen und den bei ihr entstandenen Eindruck, ich wolle mich vielleicht vor dem Date drücken auf einen Schlag wegzuwischen, biete ich ihr an, da ich ja eh‘ an diesem Wochenende sonst nichts vor habe, sie einfach so zu besuchen.
Mein Vorschlag sich im Cafe‘ zu treffen erfährt für gewöhnlich den Gegenvorschlag, doch direkt zu ihr nachhause zu kommen, einen Kuchen backe sie auch.
Ein wenig kokettiere ich noch mit diesem Angebot, nehme es aber ein wenig später selbstverständlich an, nicht aber ohne zu erwähnen, dass ich mir dann vor Ort ein Hotelzimmer suchen werde.
Der Rest ist nun schnell erzählt, in neun von zehn Fällen muss ich mir natürlich kein Hotelzimmer suchen.
War es ein schönes Wochenende, werde ich sie einladen ein Wochenende bei mir zu verbringen, schließlich schadet es nicht, Nachbarn und Freunden ab und zu auch mal die „Beute“ zu zeigen, vielleicht macht es einen für die Zukunft ja auch im realen Umfeld „wettbewerbsfähig“.
Vielleicht noch ein oder zwei weitere Treffen, spätestens dann aber werde ich ihr klar machen, dass eine Beziehung auf solch große Distanz auf Dauer keine Chance hat, und die Sache beenden.
Dabei werde ich mir sehr leid tun und ihr noch oft schreiben, wie sehr es schmerzt. Denn ich glaube ja selbst daran.
Und mit ihren Problemen und ihrer Geschichte versorge ich währenddessen die Neue, die schon in einer anderen Stadt auf Mails von mir wartet.
Mein Leben ist abwechslungsreich wie es früher nie war.
Aber der hatte ja auch keinen Computer.
Ich frage mich nur, wie ich in den kommenden 7 Monaten, die ich eine Haftstrafe wegen Bigamie abzusitzen habe, ohne Computer, Cyber-Weibchen und Dates auskommen soll.
Aber vielleicht nutze ich die Zeit einfach, mein System noch ein wenig zu verfeinern.
Vielleicht wird sich die ein oder andere auch freuen, wenn ich von meiner „siebenmonatigen geschäftlichen Tätigkeit“ in den USA wieder zurück bin… wie ich denen erkläre, dass es in den USA noch kein Internet gibt ist mir bisher noch nicht klar, aber vielleicht habt Ihr da ja eine Idee liebe Leser, bis dahin gehabt Euch wohl,
Euer Cyberheld
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