Liberty City

Frei – Unabhängig – Liberal

  • Kategorien


  • Kalender

    Oktober 2009
    M D M D F S S
    « Sep   Nov »
     1234
    567891011
    12131415161718
    19202122232425
    262728293031  
  • Meta

Stanford-Prison-Experiment

Verfasst von SchVVarzer Peter am 28 Oktober, 2009

Bewerbung und Verhaftung

Auf eine von den Wissenschaftlern geschaltete Zeitungsannonce in Palo Alto meldeten sich über 70 Studenten. Bei diagnostischen Interviews und einem Persönlichkeitstest wurden 24 Studenten aus der Mittelschicht ausgewählt, die normale, durchschnittliche Ergebnisse erzielten. Es wurden 15 Dollar pro Tag in Aussicht gestellt. Die ausgewählten Studenten wurden durch Münzwurf zufällig in zwei Gruppen eingeteilt – Wärter und Gefangene. Die Gefangenen mussten im Vorfeld Dokumente unterschreiben, in welchen sie freiwillig auf einige ihrer Grundrechte verzichteten, solange sie im „Gefängnis“ waren.

Ein paar Tage später wurden die Gefangenen „verhaftet“: Echte Polizisten nahmen sie öffentlich wegen bewaffneten Raubes und Einbruchs fest, klärten sie über ihre Rechte auf und brachten sie auf die Polizeiwache. Dort warteten sie mit verbundenen Augen in Untersuchungszellen. Von dort wurden sie dann zum Institut überführt und nach Aufnahme ihrer Personalien in extra für dieses Experiment eingerichtete Zellen gesperrt.

Die drei Zellen befanden sich im Keller der Universität. Die Originaltüren der eigentlichen Laborräume waren durch extra angefertigte Gittertüren ersetzt worden. Das Flurstück davor war „Gefängnishof“ und wurde an den Enden mit Holzwänden geschlossen. Durch feine Löcher in diesen Wänden wurde das Geschehen im Innern gefilmt. Durch die Sprechanlage wurden die Experimentteilnehmer abgehört. Es gab keine Fenster, dafür aber ein so genanntes „Loch“. Das Loch war eine Art Wandschrank, welcher mit Aktenordnern befüllt nunmehr eine Größe von 62×62 cm² hatte und bei geschlossener Tür absolut dunkel war.

Ereignisse im „Gefängnis“

Diejenigen, die Wärter darstellen sollten, wurden mit Uniform, von der Polizei geliehenen Gummiknüppeln und Sonnenbrillen ausgestattet; die Gefangenen wurden alle von dem „stellvertretenden Anstaltsleiter“ persönlich begrüßt. Danach wurde jeder Gefangene entlaust und dazu gezwungen, eine schwere Fußkette, einen Nylonstrumpf über dem Kopf und „Gefängniskleidung“ (Krankenhaushemd ohne Unterwäsche) zu tragen.

Die Gefangenen erhielten Nummern, die sie statt ihrer Namen zu verwenden hatten. Diese Nummern waren auch auf der Vorder- und Rückseite ihrer Kittel angebracht. Im Falle eines Ausbruchs, so wurden die Wärter informiert, würde das Experiment abgebrochen werden. Ansonsten hatten die Wärter die Freiheit, eigenständig Regeln auszuarbeiten und alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um Ruhe und Ordnung im „Gefängnis“ zu wahren.

Die Gefangenen wurden immer zu dritt in eine Zelle gesperrt. Die Zellen waren nur so groß, dass gerade drei einfache Pritschen darin Platz hatten. Toiletten gab es in den Zellen nicht. Wenn ein Gefangener auf die Toilette musste, so musste er erst die Erlaubnis eines Wärters einholen. Dann wurde er mit verbundenen Augen auf die Toilette geführt, damit er den Ausgang nicht sieht.

Anfangs probierten beide Parteien ihre Rollen erst aus, um zu sehen, wo ihre Grenzen lagen. Die Wärter riefen die Gefangenen zu beliebigen Tag- und Nachtzeiten aus dem Bett zu Zählappellen. Einerseits sollten die Gefangenen dadurch mit ihren Nummern vertraut gemacht werden und andererseits wollten die Wärter dadurch den Gefangenen ihre absolute Macht demonstrieren. Außerdem setzten die Wärter zur Bestrafung gern Liegestütze ein.

Bereits am Morgen des zweiten Tages brach ein Aufstand aus. Die Gefangenen blockierten die Zellentüren, rissen ihre Nummern von den Kitteln und zogen sich die Strümpfe vom Kopf. Die Wärter schlugen den Aufstand nieder, indem sie mit Feuerlöchern eisiges Kohlendioxid in die Zellen sprühten und die Gefangenen dadurch zwangen, die Türen freizugeben. Danach wurde allen Gefangenen die Kleidung und Betten entzogen. Ab diesem Zeitpunkt demütigten die Wärter die Gefangenen bei jeder Gelegenheit, alles wurde zum Privileg. So mussten die Gefangenen nach dem Zapfenstreich um 22:00 Uhr, wenn das Licht aus und die Zellen geschlossen waren, die Eimer in den Zellen für ihre Fäkalien benutzen, da die Wärter ihnen den Gang zur Toilette verweigerten. Dadurch roch das Gefängnis nach kurzer Zeit stark nach Kot und Urin, was die Atmosphäre in dem stickigen Kellergewölbe noch näher an die eines echten Gefängnisses brachte.

Es wurde eine „Privilegierte Zelle“ mit den Gefangenen eingerichtet, welche sich nicht oder kaum am Aufstand beteiligt hatten. Diese bekamen Kleidung und Betten zurück und bekamen darüber hinaus Essen in Anwesenheit der Anderen, während diese nichts bekamen. Nach einem halben Tag wurden die privilegierten mit den sanktionierten Gefangenen gemischt. Dies sorgte für Verwirrung und die Rädelsführer des Aufstandes hielten die Privilegierten für Spitzel. So brachen die Wärter die Solidarität unter den Gefangenen und verhinderten so weitere koordinierte Aktionen der Gefangenen.

Eskalation und Abbruch des Experiments

Das Experiment geriet sehr schnell außer Kontrolle. Nach drei Tagen zeigte ein Gefangener extreme Stressreaktionen und musste entlassen werden. Einige der Wärter zeigten sadistische Verhaltensweisen, speziell bei Nacht, wenn sie vermuteten, dass die angebrachten Kameras nicht in Betrieb waren. Teilweise mussten die Experimentatoren einschreiten, um Misshandlungen zu verhindern. Nach nur sechs Tagen (zwei Wochen waren ursprünglich geplant) musste das Experiment abgebrochen werden; insbesondere, weil die Versuchsleiter feststellten, dass sie selbst ihre Objektivität verloren, ins Experiment hineingezogen wurden und gegen den Aufstand der Gefangenen agierten.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Stanford-Prison-Experiment

Weitere Links hierzu:

http://www.prisonexp.org/deutsch/

http://www.artikel-online.de/Artikel/Sonstiges/stanford-gefaengnis-experiment.aspx

7 Antworten zu “Stanford-Prison-Experiment”

  1. Longhorn555 sagte

    Es gibt übrigens einen deutschen Film zu diesem Versuch.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Experiment_%28Film%29

  2. Schrankdackel sagte

    Tja Longhorn, diesen Film haben wir gesehen, er sollte ein Muss für jeden Schulunterricht sein.

    Wer hier einen Vergleich zur Moderation von iQ zieht, wird sehr klare Parallelen erkennen.

    Vergleichsweise harmlose und unauffällige User werden zum Moderator berufen und es folgt – meistenteils – eine völlige Wandlung der Persönlichkeit; ja es tendiert teilweise sogar zum Größenwahn!

    Ist man im realen Leben eher das unscheinbare Lichtlein, bekommt man hier nun das Zepter der Macht in die Hände und übt diese auch entsprechend aus. Man ist ja nun wer und das haben nun alle zu aktzeptieren, notfalls mit „Gewalt“! Es setzt eine Art Gruppendynamik ein, ich möchte an dieser Stelle nun nicht neuerlich Vergleiche zur jüngsten Vergangenheit Deutschlands ziehen, aber die Verhaltensweise/System ist ähnlich.
    Wenn man selbst Moderator ist und mit dieser Form des Umgangs mit den „Gefangenen“ nicht gleich zieht, dann hat man schon schlechte Karten, entweder hält man einfach die Schnauze oder man geht. Gegen den Mob kommt man einfach nicht an, zumindest nicht auf Dauer.

  3. tilleulenspiegel sagte

    Es ist erschreckend, wie schnell man aus einem Menschen eine Bestie machen kann.
    Gib ihm eine Uniform, Macht und Abhaengige, und schon geht es in den meisten Faellen los.

  4. grandpa_wolf sagte

    Danke für die Videodokumentation, das Material war mir bisher nicht bekannt – sehr bedrückend. Und man sollte bei der Bewertung bedenken, daß hier nicht nur die „Wärter“ sich veränderten, sondern auch die „Gefangenen“ unglaublich schnell ihre Rolle angenommen haben und z.B. nicht in der Lage waren, sich untereinander dauerhaft zu solidarisieren, genau wie die good guys unter den „Wärtern“ zu keiner Zeit interveniert haben.

    Das Erschreckende ist ja, daß wir Menschen nun mal so sind und sich niemand sicher sein kann, wie er sich in einer solchen Situation verhalten würde. Denn das Experiment wäre ja mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht anders verlaufen, wenn die „Gefangenen“ die „Wärter“ gewesen wären und vice versa. Verhindern läßt sich so etwas nur durch unabhängige Kontrollinstanzen, die nicht Teil des Systems sind und z.B. smarte Kontrollfaktoren wie z.B. Rotation, denn wenn zu Beginn z.B. klar gemacht worden wäre, daß die Rollen auch wechseln können, hätte das sicher auch eine „innere Bremse“ erzeugt.

    Da hier die Usermoderatoren angesprochen wurden – auch das ist mal gestartet im November 2006 (wobei der Blogeintrag hierzu im Lycos Blog zu denjenigen gehört, die gelöscht wurden – honni soit qui mal y pense) als Konzept, mit den Usermoderatoren Mittler zwischen Moderation und Usern zu schaffen. Ich kann leider nicht belegen, ab wann Usermoderatoren auch deaktiviert haben, aber ab diesem Zeitpunkt hatten sie „hoheitliche“ Aufgaben von Lycos iQ übernommen, womit letztlich dann auch kein Unterschied mehr zur „normalen“ Moderation bleibt. Von der Rolle als Vermittler bleibt unter solchen Umständen dann natürlich schnell wenig übrig.

    Aber unabhängig davon wäre es bei der vorhandenen, breiten Basis an möglichen Usermoderatoren sicher hilfreich gewesen, von vorneherein eine turnusmäßige Rotation bzw. zeitliche Begrenzung bei der Tätigkeit von Usermoderatoren vorzusehen.

  5. SchVVarzer Peter sagte

    Hallo Wolf, ich habe den Beitrag bewusst nicht kommentiert um zu vermeiden, dass sich der Fokus von vornherein ausschließlich auf die Moderation von COSMiQ (Lycos iQ) ausrichtet. Selbstverständlich lässt sich auch ein Bezug zu COSMiQ (Lycos iQ) herstellen, es darf aber durchaus über den Tellerrand geschaut werden. ;-)

    Interessant ist bei dem Experiment auch zu beobachten, wie einige der Gefangenen, gerade zu Beginn, bewusst provozierten, um zu sehen, wo welche Grenzen abgesteckt werden, also gewissermaßen Aktion und Reaktion, wechselweise aus beiden Richtungen.

    Auffällig auch, wie die Verantwortlichen des Experimentes im Laufe der Zeit mehr und mehr Partei für die Wärter ergriffen.

    Auch muss man als „Beschleunigungsfaktor“ dieser Eskalationen berücksichtigen, dass alle Teilnehmer weder spezielle Schulungen (Wärter) noch Erfahrungen (Gefangene) mit solcherlei Situationen hatten. Deine Idee des Rotationsprinzips mag in gewissen Lebensbereichen und Situationen sicher greifen, speziell im Stanford-Prison-Experiment wäre dies auch ohne Weiteres möglich und vor allem wünschenswert gewesen, in der Realität aber eben nicht umsetzbar – die Gefangenen würden sich über Deinen Vorschlag freuen. :-D

    Auch Interessant zu beobachten, wäre für mich gewesen, wie ein zweites Experiment mit ehemaligen Strafgefangenen als Gefangene und Personen mit entsprechender, professioneller, vor allem psychologischer Ausbildung, als Wärter, verlaufen wäre.

    Um abschließend auf Deinen Bezug zu den Praktikanten bei COSMiQ (Lycos iQ) zurückzukommen; ich persönlich denke, entsprechende Schulung und vor allem eine vernünftige Führung hätten vieles vermeiden können. Als Community-Manager (Chef) sollte man zwar hinter seinen Mitarbeitern stehen, wenn man aber bemerkt, dass es partout nicht geht, muss man seinem Mitarbeiter auch schon mal sagen „sorry, Du warst ein toller User, aber Deine Arbeit als Moderator haben wir uns doch etwas anders vorgestellt“, und sich gegebenenfalls von diesem trennen. Zumal im konkreten Fall, da es keine Entlohnung gab und gibt, keine soziale Härte eingetreten wäre, stellt man den „Prestigeverlust“ einmal außen vor. Solche Trennungen können in vielen Fällen auch zum Wohl des Mitarbeiters sein, denn keinen Menschen macht es auf Dauer glücklich, täglich Schelte einstecken zu müssen. Im Weiteren verbaut man diesem Menschen möglicherweise andere Wege wo er sich besser hätte entwickeln können.

    Für eine bestimmte Aufgabe nicht geeignet zu sein ist nicht gleichbedeutend mit Versagen, in einem anderen Betätigungsfeld kommen die Stärken desjenigen möglicherweise besser zur Geltung und vor allem darf man nicht vergessen, diesen Menschen wurde nie erklärt oder beigebracht, wie man eine solch große und facettenreiche Community moderiert und was dies bedeutet bzw. für übergreifende Auswirkungen haben kann.
    Die wirklichen Versager saßen und sitzen weiter oben und werden im Gegensatz zu den Praktikanten auch noch bezahlt.

    LG
    Peter

  6. Schrankdackel sagte

    Hehe, wer sagt uns eigentlich, dass es sich bei der Wissensplattform und ihren Probanden nicht ebenfalls um ein groß angelegtes Experiment handelt, dass über Jahre studiert wird und ebenfalls aus dem Ruder gelaufen ist??? ;-) :-D

  7. Bruder Jakob sagte

    Ja, das ist ein bekanntes Thema und die Bezüge sind in gewisser Weise stets hochaktuell. Man muss sich nur umschauen, überall lauern Gefahren, dass Entwicklungen in alten Gleisen und Mechanismen münden. Dass Moderatoren Stromstöße verteilen könnten kann man auch umkehren. Was wäre wenn sie für jede Deaktivierung einem Stromstoß ausgesetzt wären – aber das ist ein genau so uralter Gedanke, der für die meisten intellektuell zu hoch war. Keiner will mit diesen gedanklichen Hypothesen Menschen foltern – es sollte nur das träge Denken beflügeln und gegen Gedankenlosigkeit wirken, schließlich sind Deaktivierungen psychische Folter für die User. Das begreift erst mal, Ihr wahnsinnig sensiblen und rücksichtsvollen Moderatoren! Deaktivieren kann man mit Stromstößen sehr wohl gleichsetzen. Lasst Euch mal jahrelang Fragen und Antworten zerstören und bleibt cool dabei! Das ist ein gedankliches Problem, Euch auch diesem Anspruch zu stellen, Rücksicht walten zu lassen, Euch in der gebotenen Vorsicht auf User und deren Kreativprodukte einzustellen. Das ist keine Front gegen Moderatoren, sondern ein Aufruf zu mehr zwischenmenschlichem Gespür, zu Respekt und Rücksichtnahme. Man deaktiviert nicht einfach, das muss die „ultima ratio“ sein und darf nur in Sonderfällen geschehen. Davon ist man noch weit entfernt, fürchte ich. Einige Moderatoren haben es begriffen, aber die wenigsten, die eben auch in Sachen Menschlichkeit einen Schritt weiter sind, der Rest benimmt sich wie Hottentotten. Die Bezeichnung „Hottentotten“ gilt heute als beleidigend? Das mag sein – aber das Deaktivieren gilt auch als beleidigend und zwar in einem sehr viel weiteren Sinn – weil es nicht nur verbal geschieht, sondern auch faktisch.

Eine Antwort schreiben

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>