Ich gehe raus – von Franko Hero
Geschrieben von Liberty City-Team am 19 März, 2010
Knarrend und quietschend öffnet sie sich, laut und knallend fällt sie ins Schloss.
Etwas unentschlossen stehe ich vor der Tür.
Im Briefkasten mit der Aufschrift „Keine Werbung bitte“ steckt Werbung; kurz denke ich darüber nach, ob ich den Kasten zunageln sollte; irgendwo habe ich mal gehört, das sei verboten.
Ich zücke das Klebeband, dann schaue ich mich um, ob mich jemand sieht. Nachbar 0815 ist mit der Brechstange zu Gange. Ah. Die ganzen Ächz-und Stöhn-Geräusche, die meinen Morgen begleiteten, stammen von Ihm. Er hebelt seit rund drei Stunden, im Schweiße eines Hochsommer Mittags, einen der lang gezogenen Steine aus der Straße, die den Gehweg von der Fahrbahn trennen.
Nachbarin 69 schwebt heran, in Schieflage. Unter ihrem rechten Arm balanciert eine Art Fledermaus bellend auf einem Granit-Block. Die Juwelen, mit denen der Block besetzt ist, scheinen zum Granit zu gehören. Mindestens 20kg plus Hund. Sie „schwebt“, trotz des Gewichts, weil das einfach zu ihrem Image gehört. Ja, es gibt auch reiche Nachbarn in dieser Gegend.
Aber 0815 gehört eigentlich nicht zu ihnen. Er hat, so habe ich die Leute in meinem Haus reden hören, fast 15 Jahre gespart, für den schicken und fabrikneuen Flitzer, mit dem er Heute eine erste richtige Spritztour machen will. Mit leicht überheblichem Blick, aber freundlich grüßend, passiert 69 den Flitzer, hin zu ihrem alten Porsche, der ebenfalls so aussieht, als wäre er frisch aus dem Ei gepellt.
Gurrend und shakernd nimmt sie die Fledermaus in die linke Hand; mit der Rechten schwingt sie die extra angefertigten Riemen, in denen sich mit Juwelen besetzter Granit befindet und rammt den Block zielsicher durch die Seitenscheibe ihres Porsche.
Vor Jahren habe ich mal erlebt, wie sie die Fahrertür anstelle der Scheibe traf … naja, was die Wirtschaft ankurbelt… aber dann belegte sie wohl einen dieser Kurse „Wie man richtig einsteigt“. Seit dem ist der Stein immer im Ziel gelandet.
Dieses höllische Geräusch, das mir nun seit Ewigkeiten den letzten Nerv raubt, bricht los. Die Alarmanlage hat einen besonderen Ton für eingeschlagene Scheiben. Damit jeder gleich Bescheid weiß. Stolz schwebt 69 zum Kofferraum, verstaut den Stein und fördert einen speziell angefertigten „Einstiegssauger“ hervor, mit dem sie in Rekordzeit den Fahrersitz von Scherben befreit. Übung macht den Meister. Sie hat genügend finanzielle Ressourcen, um immer richtig in ihr Auto einzusteigen. Davon kann 0815 nur träumen. Aber wenn er sich nicht immer den richtigen Einstieg ins Auto leisten kann, und auch keinen richtigen „Einstiegsstein“, dann sollte es doch ein möglichst cooler sein. Wie die „Gangsta-Rapper“ in Amerika. Jetzt hat er den Bordstein hoch gewuchtet und schafft es, ihn auf seinen Armen zu halten. Endlich verschwindet der Porsche Alarm und wird nur Sekunden später von einem Flitzer Alarm ersetzt. Schweiß überströmt und schwer atmend wendet sich 0815 an mich: „Hey Junge, kannze ma helfen? Mach doch ma die Tür drüben auf. Mann, ich bin total erledigt.“
Ich tue natürlich sofort, wie mir geheißen. Dann flitze ich um den Wagen herum, um dem alten Mann seinen Bordstein abzunehmen.
„Nä-nä, danke, aber das mach ich schon selber. Ehem, also … na gut, fass doch ma mit an; was willze eigentlich mit dem Klebeband?“
Ich stecke das Klebeband weg und schnappe mir den Bordstein, den ich dann so auf dem Beifahrersitz drapiere, dass er gut sichtbar ist. Bei noch mehr Belastung, so fürchte ich, wird der Rentner einen Herzinfarkt kriegen. Der scheint es mir sehr übel zu nehmen, dass ich ihm die Arbeit abgenommen habe, denn er mustert mich mit zusammengekniffenen Augen.
„Wennze so kräftig biss, junger Mann, was machze Hier? Hasse Urlaub? Ich hab gehört, Du arbeitest nich! Aufm Bau könnse so einen doch gut brauchen.“
Ich mache mir nicht die Mühe, die folgenden Gesprächsoptionen in Gedanken durch zu gehen, statt dessen mache ich die Tür zu, den Kofferraum auf, nehme Handfeger und Schaufel heraus und übergebe Beides an 0815.
Ich verabschiede mich freundlich und mache mich auf in die Stadt.
Die Stadt. Da kann ich endlich mal wieder Lebensmittel einkaufen. Weil es zu teuer für mich ist, kann ich müder Wanderer natürlich nicht in den verlockenden Fress-Tempeln einkehren, genau so wenig, wie ich ein Auto habe, dessen Scheibe ich einschlagen könnte. Dabei sind die Reparaturen Heute doch so günstig. Neue Scheibe in Rekordzeit, nur wenige Euro und auch noch mit einem Bonusheft mit einer guten Chance auf den Gewinn einer Luxusreise in die Karibik, verspricht die Werbung im Fernsehen. Es tut mir auch kaum weh, an diesem Spiel mit dem Kapitalismus nicht beteiligt zu sein.
Gestern Abend habe ich mal wieder öffentlich rechtliches Fernsehen geschaut. Die Karibik-Werbung gehörte zu einer Dokumentation über mögliche Schnittverletzungen, die man sich beim unsachgemäßen Einsteigen zuziehen kann. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie finde ich es blöd, dass alle Leute ihr Auto kaputt machen, bevor sie einsteigen. Aber noch viel blöder und auch wirklich verletzend, war der Rest des Programms.
Da war ein Mönch der sagte, dass alle Deutschen wählen gehen sollten, weil das die Pflicht eines mündigen Bürgers sei. Er meinte weiterhin, dass politische Involvierung des Einzelnen in Parteien das sei, was unseren Staat weiterbringen würde. Damit gab er mir die Schuld daran, dass ich keine Autoscheiben einschlagen kann. Außerdem nannte er mich unmündig.
Da waren einige Wirtschaftskriecher die sagten, bei der Einführung des Euro wäre alles nur ganz normal teurer geworden. Wir sollten nicht rumheulen, das alles wäre ganz normale Wirtschaft. Sie sagten mir, es wäre meine Schuld, dass ich keinen Fress-Tempel besuchen kann.
Da waren einige Politiker die sagten, ich solle doch bitte entschuldigen, dass sie mir nicht wie versprochen helfen würden, denn sie sein doch nicht blöd. Auch wenn sie jetzt an der Macht wären, die Zustände könnten sich nicht so einfach ändern.
Da waren einige Wirtschaftsgewinner die sagten, die Regierung und die Arbeitseinheiten sollten doch mal gefälligst die Füße still halten, denn wenn es nicht so ginge wie sie wollen, dann würden sie einfach den Standort Deutschland verlassen und dann würde es erst richtig übel für uns. Für mich, der ich nicht mal einen Stein habe.
Da waren dann noch ein paar Politiker die sagten, sie wollen in unserem Land die Bedingungen so verschlechtern, dass jeder Sozialschmarotzer gezwungen wäre, der Wirtschaft dienlich zu sein. Ich würde nicht in Arbeit gezwungen werden, sondern einfach nur als willenlose Drohne dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Sie wollen, dass ich sie wähle, ich der ich nicht einmal eine Stimme habe und kaum noch ein Ich.
Ich finde, man muss schon sehr dumm sein, mit einem Stein in sein Auto einzusteigen.
Ich fürchte deshalb, dass wir
den Mönch weise finden,
den Wirtschaftskriecher schick finden,
die Politiker so herrlich fähig in ihrem ach so notwendigen Lügenkäfig finden und
den Wirtschaftsgewinner für ein Opfer der Marktlage halten.
Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass „WIR“ mir helfen können, mein Ich zurück zu erhalten, irgendwann, als ich eine Scheibe brechen sah.
Aber ich werde wählen!
ICH werde eine kleine Randpartei wählen, die nicht zu weit Rechts oder Links orientiert ist und ich werde, wie nach jeder Wahl, an der Dummheit der Steinschläger verzweifeln.
Dies ist nicht meine Stadt. Überall brechen Scheiben, Sirenen heulen, Menschen schneiden sich und Fress-Tempel, die mein Geld nötiger brauchen, als die Wirtschaftsgewinner meine Seele, treffen nur auf leere Taschen.




Wallenstein sagte
Wallenstein sagt:
Oh! Nanu! Literatur hat Einzug in Liberty-City gehalten?
Gedanken eines Normalbürgers, der sich mit dem Leben der Jetztzeit bewusst konfrontiert sieht, analysiert und sich hilflos vorkommt?
Nein, hilflos ist er nicht, er artikuliert, analysiert und trauert. Nicht um sich, sondern um das Jetzt. Eine Wehmut schwingt aus den Worten, ein inneres Suchen nach dem Sein, ein In-Frage-Stellen des Ist-Zustandes.
Philosophische Betrachtungen des Lebens in einer Welt, deren Maxime das „Immer-Mehr“ zu sein scheint, ein Leben, welches die Existenz des Lebens in einer Gemeinschaft negiert. Äußerlichkeiten regieren, Phrasen ersetzen Inhalte und die gereichte Hand des anderen ist die Hand des Greifens, nicht die Hand des Gebens.
Grau ist die Welt geworden, Nebel verhindert die Sicht. Eine Welt geführt von Blinden, die sich sehend glauben, doch das, was sie sehen ist die Welt der Werbung. Pappmaschekulissen, Illusionen aus der Retorte.
Wer in dieses Sein nicht einsteigt hat, den Fahrschein wohl nicht gelöst, den Anschluss nicht gefunden und dieses selber verursacht.
Was gilt der Einzelne, wenn er nicht mitschwimmt, seinen Intellekt nicht an der Garderobe der Nichtigkeit abgab? Nichts. Ein Fremdkörper in einer Welt, deren Gedankenwiesen asphaltiert wurden. Metropolis in zeitgemäßer Form.
Nichts ist mehr bunt, alles nur grau, auch wenn man glaubt, die Farben zu sehen.
Kalt ist es geworden, Seelenkalt und die Blumen des Individualismus verdorren. „Angepasstsein“ heißt die Devise, die ausgegeben wird, unter der Lüge der Individualität. Jeder ist ja so individuell, so kreativ und beugt sich dem Zeitgeist, der eben dieses erstickt.
Grau ist das Schlagwort, Grau ist die Farbe und Grau ist das Denken, welches als Kaleidoskop des Farben Sehens verkauft wird.
Der Blick nur weniger sieht dies und über sie fällt die Masse der Grauen her, weil eben sie den verlorenen Blumenduft riechen und die Blütenkelche noch sehen, die aus der Steinwüste sprießen.
Doch diese Seher sind es, die uns Hoffnung geben, diese Seher vermitteln uns den Blick: Grau ist keine Farbe, sondern der Teil eines Wortes: Grauen! Und das ist die Welt, die wir schufen.
Ich bedanke mich bei dem Literaten für seinen eindrucksvollen Text!
Jaullll sagte
Dank dir, du hast die Absurdität von vielem geschildert, das bei uns läuft, die Nichtigkeit der Konsumgesellschaft und die schräge und verlogene Moral. Das sollte man eigentlich drucken.
Sofitware sagte
Wo ist es grau und elend?
So schön die Literatur auch ist, ein Wirtschaftspädagoge muß allerdings den Rundumschlag gegen die Wirtschaft zurückweisen, da die Karl-Marx-Sichtweise völlig daneben ist.
Beim Wirtschaften geht es um den optimalen Einsatz knapper Ressourcen.
Wohlstand entsteht, wenn die Optimierung gelingt, bei Verschwendung tritt Armut ein.
Freie Märkte korrigieren sich selbst, wenn auch mit Zeitverzug, falsche administrative staatliche Vorgaben werden meist vertuscht und enden in absurden, verlogenen und totalitären Staaten.
Würde die Kritik an der Wirtschaft in Deutschland auf andere Bereiche übertragen, etwa auf den medizinischen Bereich, dann würden alle fordern Krankenhäuser, Apotheken und Ärzte abzuschaffen, weil es nachweislich Betrugsfälle in diesem Bereich gibt.
Die Kritik an der Wirtschaft wird insbesondere von der 68er-Generation vorgetragen, Grundlage ist ihre öffentlich vorgetragene Sympathie für Ho Chi Minh, Mao und Che Guevara.
Teile dieser Bewegung waren bereit, ihre Ideale durch Terrorismus umzusetzen.
Der größte Teil ist jedoch in das kapitalistische Lager abgewandert und hat Kapitalismus so umgesetzt, wie sie sich rücksichtslosen Kapitalismus vorgestellt haben.
Wirtschaft und Markt funktioniert aber nicht so, wie sich diese Generation das vorgestellt hat.
Sie lagen mit ihrer Verehrung des Kommunismus daneben, genauso, wie sie mit der Verehrung des Kapitalismus danebenliegen.
Wirtschaft und Markt sind etwas wunderbares, denn sie lassen Extremposition kollabieren.
Entweder die Vernunft siegt, im Klartext, die 68er-Generation trägt im Alter ihre 1600-Mrd-Euro Schulden gegenüber der jüngeren Generation ab, durch extreme Rentenkürzungen und Vermögensauflösungen, oder alle Ansprüche dieser Generation werden durch Insolvenz auf Null gestellt.
Für einen Wirtschaftler ist das kein Problem, da Geld und Kapital für ihn nicht das Ziel sind.
Er strebt den optimalen Einsatz knapper Güter an, stoppt die Verschwendung durch Fehlallokation und stellt so Wohlstand her.
Die Juristen produzieren zwar viel bedrucktes Papier, am Ende ist es aber wertloses Papier mit Buchstaben und Zahlen.
Ich gehe rein!