Zimmer und Wüste zugleich - Teil II
Verfasst von Wyatt Earp am 29 Juni, 2008
„Meinen Sie nicht auch”, krächzt er, „es wäre klüger, wir warten bis es Abend wird? In der Kühle könnte man den Marsch leichter fortsetzen”.
„Bitte” erwidert er Mann ohne Gesicht, „nehmen Sie sich doch zusammen! Sie bringen ja schon alles durcheinander. Wie befinden uns im Mittagszimmer. Abende gibt es anderswo. Sehen sie selbst, wir werfen hier so gut wie keinen Schatten. Das Licht steht im Zenit, unverändert und unveränderlich.”
Der Bräutigam nickt traurig, läßt die Arme hängen und sagt:
„Ich kann nicht mehr.”
Der Begleiter stochert gleichgültig mit seinem Schirm im Sand. „Das haben Sie schon hundertmal gesagt. Muß ich nochmals an Ihr Verantwortungsgefühl apellieren? Man erwartet Sie. Ihre Braut zählt jede Minute. Sie sehnt sich nach Ihnen, wie nur eine junge Frau sich sehnen kann. Bedeutet Ihnen das denn nichts?”
„Doch, doch!” beeilt sich der Bräutigam zu versichern.
Wieder wandern die beiden schweigend eine lange Wegstrecke, Stunden oder Jahre im gleißenden Licht.
Plötzlich wirft sich der Bräutigam zu Boden, wälzt sich auf den Rücken und schreit aus verkrusteten Lippen zum Himmel hinaus: „Warum? Warum nur? Warum ist der Weg so lang?
Ich werde niemals ankommen. Niemals, niemals werde ich meine Braut sehen und umarmen. Warum konnte ich ihr nicht einfach sagen, daß ich sie begehre, daß ich sie haben will, daß mich danach verlangt, ihre Haut zu fühlen, ihren Leib?”
Ein Hustenanfall schüttelt ihn, und er kann nicht weiter sprechen.
Der Begleiter wartet teilnahmslos ab, bis er vorüber ist, dann sagt er: „Das alles haben Sie getan. Sie haben dies Dinge gesagt, und so stehen sie Wort für Wort in den Dokumenten.” Er klopft mit dem Schirm leicht gegen die Ledermappe.
Der Bräutigam bewegt eine Weile sprachlos die Lippen. „Aber warum”, stammelt schließlich, „warum bin ich dann hier und nicht bei ihr? Warum gehe ich immer nur auf sie zu, ohne sie je zu erreichen?
Warum? Warum? Warum?”
„Weil Sie es unbedingt so wollten”, sagt er andere und blickt zu ihm nieder. „Es ist ihnen wieder und wieder gesagt worden, daß der direkte Weg der längste ist.
Sie haben ja nicht einmal zugehört. Hören Sie mir wenigstens jetzt zu?”
„Ja”, krächzt er Bräutigam. Er starrt den Begleiter lange an, dann beginnt er zu lachen. Es klingt wie ein Gekreisch.
Der andere wartet reglos ab.
Schließlich schluckt der Bräutigam trocken und flüstert: „Also hat mich ganz einfach die Mathematik betrogen? Hat mich mein Verstand im Stich gelassen? Wo war mein Gefühl?
„Nein”, sagt der Begleiter, „dort ist es richtig.”
Der Bräutigam läßt den Kopf in den Sand zurücksinken und starrt in die Sonne. Seine Augen schmerzen, als würden Sie von glühenden Eisen durchbohrt, aber es kommen ihm keine Tränen.
Er hat keine mehr.
Er läßt Sand durch seine Finger rinnen und murmelt: „So ist das also. Ich gebe auf. Ich streike. Ich will nicht mehr. Ich streike.”
„Nur Mut!” sagt der Begleiter, aber er sagt es ohne jede Teilname. „Dort ist ja schon die Tür. Es sind nur noch ein paar Schritte.”
Der Bräutigam läßt weiter den Sand durch seine Finger rinnen, gleichsam einer Sanduhr. Der gesichtslose Begleiter zieht ihn hoch und hält ihn mit ausgestreckten Armen vor sich hin, so leicht ist er geworden.
Seine Beine baumeln in der Luft wie die einer Puppe.
„Ich sehe nichts mehr”, flüstert er, „Ich habe keine Augen mehr.”
„Und Ihre Braut” fragt der andere.
„Ich weiß nichts mehr. Ich verstehe nichts mehr. Ich will nichts mehr. Ich habe keine Braut. Ich habe nie eine gehabt. Ich habe niemals begehrt. Ich habe niemals geliebt. Ich habe niemals existiert. Lassen Sie mich bitte in Ruhe.”
Aber der Begleiter gibt nicht nach.
„Sie haben kein Recht Ihre Existenz aufzugeben. Sie denken nur an sich selbst. Aber Sie haben Verantwortung übernommen. Die können Sie nicht einfach von sich werfen, als Mann von Charakter.”
„Charakter…” flüstert der Bräutigam immer noch mit den Beinen baumelnd, „ich frage mich, warum Sie nicht meine Aufgabe übernehmen. Die junge Dame wird sich freuen. Sie wird noch immer jung sein - jedenfalls jünger als ich.”
Der Begleiter läßt ihn los. Er fällt in den Sand wie ein Bündel Lumpen. Mit zusammen gekniffenen Augen versucht er den gesichtslosen zu sehen, der groß über ihm steht.
„Unsere Pflichten”, hört er die glatte Stimme sagen „sind nicht die gleichen.”
Der Bräutigam spielt wieder im Sand. „Pflichten…”, flüstert er und kichert ein wenig, „Pflichten…”
Nun wird der andere zum ersten Mal beinahe ungehalten. „Sie stellen sich wirklich an, als ging es um Ihr Leben.”
„Das tut es auch”, antwortet der Bräutigam und nickt traurig mit seinem eingefallenen dürren Köpfchen, „es geht um mein Leben, rückwirkend, verstehen Sie? Ich bin ein alter Mann, aber ich habe kein Leben gehabt. Man hat mir alles annulliert. Ich bin um mein Leben betrogen worden, ich weiß nicht, von wem.
Und nun will ich keines mehr.
Ich will nie eines gehabt haben.
Dagegen können Sie nichts tun.”
„Doch”, sagt der andere „ich werde Sie die letzten paar Schritte tragen.”
Der Bräutigam kichert. “Die letzten paar Schritte…, das schaffen Sie nicht.”
„Erlauben Sie?” sagt der andere, und ohne eine Antwort abzuwarten, hebt er den Bräutigam hoch und nimmt ihn auf den Arm. Der legt sein mageres Ärmchen um die Schulter des Begleiters und schmiegt das wackelnde Greisenköpfchen an dessen Hals.
So legen sie wieder ein langes Stück Wegs zurück. Obwohl der Bräutigam kaum noch etwas wiegt, wird seinem Träger doch schließlich der Arm lahm, und er läßt ihn zu Boden gleiten.
„Die letzten paar Schritte…” meckert der Bräutigam triumphierend, „sehen Sie, sehen Sie!”
Der Mann ohne Gesicht antwortet nicht. Er hakt die Krücke seines Schirms in den Kragen des Cutaway, oder vielmehr in den Rest, der davon noch vorhanden ist, und schleift den Bräutigam hinter sich her durch den Sand.
Wieder vergeht endlose Zeit.
Der Bräutigam fühlt, daß der andere ihn losgelassen hat, und versucht, sich aus dem Lumpenbündel zu befreien.
„Wir sind da”, hört er die teilnahmslose Stimme sagen, „ich habe Ihnen doch gesagt, es seien nur ein paar Schritte.”
Der Bräutigam bringt sich mit einer letzten Kraftanstrengung in sitzende Haltung und reißt die Augen auf. Das Licht dringt in ihn ein wie kochendes Metall, und er stößt einen Schrei aus, doch nicht einmal er selbst vernimmt ihn.
Vor seinem erlöschenden Blick schwankt die Tür. Sie ist geöffnet. Der Durchblick ist eine Schattierung dunkler als das dunstige Blau des Himmels, das ihn umgibt.
In diesem Ausschnitt steht ein hochgewachsenes Mädchen, mit nichts bekleidet als einem duftigen Brautschleier, der von ihrem Scheitel herabfließt und ihren Körper einhüllt, durchsichtig wie zarter Nebel. Ihr Gesicht ist fast in diesem Nebel verborgen, um so deutlicher aber sind ihre langen schmalen Glieder zu sehen, ihre Schenkel, ihre kleinen Brüste, ihr flacher Leib und der Nachtschatten Ihres Schoßes. In der Hand trägt sie einen Rosenstrauß.
„Endlich!” ruft Sie, „ich bin fast tot vor Sehnsucht! Wo ist er denn? Wo ist er?
Der Begleiter wendet sich dem Bräutigam zu, aber der hebt mit großer Mühe eine Hand und legt ein knochendürres Fingerchen bittend an seinen eingefallenen, zahnlosen Mund.
Der Begleiter zuckt unmerklich die Achseln und wendet sich der Braut zu.
„Ihr Bräutigam erwartet Sie hinter der nördlichen Tür. Wenn Sie wollen, führe ich Sie auf direktem Wege zu ihm.”
„Gehen wir!” ruft sie, „gehen wir schnell. Es sind doch nur ein paar Schritte dann bin ich bei ihm.”
Sie will loslaufen, hält aber inne, weil er Bräutigam die Hand nach ihr ausstreckt. Ratlos betrachtet sie ihn einen Augenblick lang, dann wirft sie ihm eine Rose aus dem Strauß ihrer Hand zu.
Der Bräutigam hebt seinen Blick zu dem Begleiter, der mit verschränkten Armen zugesehen hat und nun leise sagt:
„Immerhin seid Ihr euch begegnet, Ihr habt es schon oft getan und werdet es immer wieder tun.
Das können nicht alle von sich sagen.”
Dann folgte er dem Mädchen, das mit langen Sprüngen in die Wüste hineinläuft, auf die andere Tür zu, die riesenhaft am nördlichen Horizont steht. Die beiden Gestalten werden zwischen den Sandhügeln kleiner und kleiner, und nur eine gewundene Spur von winzigen Sandtrichtern bleibt zuletzt.
Der Bräutigam starrt ihnen mit milchweißen Augen nach, während seine Finger die Rosenblüten betasten.
„Wie schön sie ist!” flüstert er, „mein Gott, wie schön sie ist!”
Und während er zurücksinkt in den Sand, murmelt er noch:
„Ob sie mich finden wird, dort drüben hinter der anderen Tür?”
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