Worum geht es Papst Benedikt XVI. in Wirklichkeit? Um die innerkirchliche Eliminierung des II. Vatikanischen Konzils und um die erneute Etablierung der traditionalistischen Glaubenslehre. Nicht die Menschlichkeit steht somit im Vordergrund der neuen (uralten) vatikanischen Linie, sondern der Glauben. Ein Platztausch also. Als Therapie gegen den „Relativismus“ unserer Zeit.
Die Folgen könnten gravierend sein. Denn im Namen des Glaubens wurden nicht nur jahrhundertelang riesige Verbrechen begangen, viele Diktatoren wurden vom Vatikan als gute Katholiken hofiert, zuletzt Hitler stillschweigend geduldet, Franco gar als guter Katholik geschätzt.
Pius XII. muss man im Zuge der allgemeinen Diskussion schuldhaftes Schweigen gegenüber den Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes, Duldung des Holocaust, teilweise sogar Komplizenschaft mit den Nationalsozialisten vorwerfen.
Der Papst hat zur Frage der Juden-Vernichtung zwar verurteilend nachgesetzt. Wichtiger ist ihm die Einheit der Kirche im Namen des Glaubens, zweitrangig sind „politische“ Äußerungen wie die dezidierter Holocaust-Leugner.“
Wenn ein Neonazi in Deutschland den Mord von 6 Millionen Juden bestreitet, dann ist dies – zu Recht - ein Straftatbestand.
Ganz Unabhängig vom Juristischen: Es ist moralisch das Allerletzte, das Allerverachtenswerteste, wenn einer das rassistische Morden, die tödliche Neidwut, den Holocaust, die Konzentrationslager im Bezug auf die Juden relativiert.
Papst Benedikt XVI. hat einen schweren Fehler begangen. Dass es ausgerechnet ein deutscher Papst ist, macht die Sache besonders schlimm und fügt Deutschland in der Welt großen Schaden zu. Er belastet seine gesamte Amtszeit mit diesem fürchterlichen Makel. Anstatt neue Brücken zu bauen, vorhandene zarte und äußerst sensible Pflanzen der Annäherung zu pflegen, wird in von der katholischen Kirche bekannter Gutherrenart selbstherrlich alles platt getreten.
Daher gibt es nur eins: Der Papst muss seinen Fehler korrigieren, die Entscheidung zurücknehmen und sich entschuldigen. Wer dazu nicht die Kraft findet, sollte nicht die Kraft Gottes für sich in Anspruch nehmen.
Den Gesprächskontakt zur muslimischen Welt hat Benedikt bereits mit seiner Regensburger Rede geschwächt, Johannes Paul II. besaß ihn noch. Aber nun wird der amtierende Pontifex, anders als sein Vorgänger, auch nicht mehr als starker Mittler zwischen Israel und seinen Gegnern agieren können – zum Schaden eines Friedens im Nahen Osten, letztendlich in der gesamten Welt.
Eine zunehmende Qual für den Kopfarbeiter Benedikt, der, in verkrusteten Vatikan-Strukturen unglücklich beraten, auf die Kraft des Wortes vertraut. Dass der erste Deutsche auf dem Stuhl Petri seit fast 500 Jahren ausgerechnet beim sensiblen Dialog mit den Juden nicht den richtigen Ton trifft, ist dabei besonders tragisch.
Wir sind Papst? Nun ja. Der Papa-Ratzi-Jubel jedenfalls ist verflogen.
Angesichts der Turbulenzen um die Fehlentscheidungen von Papst Benedikt XVI. muss auch die Frage erlaubt sein, ob der Papst seinen Hofstaat noch im Griff hat? Auch wenn das Oberhaupt der Katholischen Kirche letztlich verantwortlich ist und bleibt – es fällt schwer zu glauben, dass niemand die Brisanz der Dokumente bemerkt haben will, die weltweit für Empörung sorgen.
In seiner Umgebung agieren schließlich hochrangige Kirchenmänner, denen alle Informationen zugänglich sind. Und von denen soll keiner gewusst haben, wes Geistes Kind der Holocaust-Leugner, Bischof Williamson, ist? Oder wurde hier bewusst ein Komplott geschmiedet, um den Papst vor vollendete Tatsachen zu stellen oder ihm gar zu schaden? Benedikt XVI. täte gut daran, das Gesetz des Schweigens zu durchbrechen, mit dem im Vatikan gerne Affären ausgesessen werden. Auf dem Spiel steht nicht nur seine Glaubwürdigkeit, sondern auch die der Katholischen Kirche.
Wer christliche Nächstenliebe predigt, für sich in Anspruch nimmt Oberhaupt der (katholischen) Christen zu sein, sollte sich gefälligst auch wie ein Christ gebärden und benehmen.



