Eine Weihnachtsgeschichte ohne Ende
Normalerweise enden Weihnachtsgeschichten immer gut. Es herrscht Friede auf Erden, und die Menschen sind glücklich.
Heute erzähle ich mit ausdrücklicher Erlaubnis einer Freundin eine Geschichte aus ihrem Leben, die sich vor mehr als 40 Jahren ereignet hat.
Ob die Geschichte ein gutes Ende haben wird?
Ich weiß es nicht, denn die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Vielleicht ist sie aber auch schon zu Ende, nur wir wissen es nicht.
Irgendwann saßen meine Freundin und ich bei einer Tasse Tee. Wir sprachen über Kindheit und Jugend und plötzlich fing sie an, mir diese Geschichte zu erzählen, die ich hier aus der Erinnerung aufgeschrieben habe. Die Geschichte hat sich so zugetragen, ich habe nur die Namen verändert.
Im Sommer 1966 fing alles an.
Durch meine Eltern hatte ich einen Gunnar R., einen Journalisten, der bei einer großen, westdeutschen Tageszeitung angestellt war, zusammen mit seinem Kollegen Walter M., einem Fotographen bei derselben Zeitung, kennengelernt.
Wir sahen uns einige Male im Haus meiner Eltern, aber das war nichts Besonderes, dort versammelten sich viele Leute.
Im November muß es dann passiert sein. Herr R. und ich kamen uns näher. Ich war damals 17 Jahre alt und stand kurz vor meinem Abitur.
Für mich verkörperte dieser Mann alles, was mein Elternhaus nicht war.
Er war in der Unterprima, also der zwölften Klasse, vom Gymnasium geflogen, weil er einen Lehrer geohrfeigt hatte.
Er hatte genau das getan, was ich mich nie getraut und doch zu gerne getan hätte: einer dieser verknöcherten, alten, langweiligen und selbstgerechten Lehrkräfte eine saftige Ohrfeige zu verpassen. Ich bewunderte ihn innerlich glühend darum, auch wenn ich meinen Eltern pflichtgemäß laut zustimmte, daß es unmöglich sei, einen Lehrer zu ohrfeigen.
Jedenfalls standen Herr R. und Herr M. am Nikolausabend plötzlich gegen 21 Uhr vor unserer Haustuer.
Meine Eltern waren sehr verdutzt, ich freute mich riesig.
Mein Herz klopfte so stark, , daß ich Angst hatte, jeder Herzschlag könnte so laut wie der Schlag auf eine Trommel sein.
An dem Abend fragte Herr R. meine Eltern, ob er mich am nächsten Wochenende ausführen dürfte.
Meine Freundin lächelte.
Weißt Du, zu der Zeit gehorchten Kinder noch ihren Eltern und taten, was ihnen gesagt wurde. Schließlich wurden wir auch erst mit 21 Jahren volljährig.
Meine Eltern erlaubten mir, mit Herrn R., seinem Freund und dessen Freundin zum Tanzen zu gehen.
Wie ich die Woche in der Schule überstanden habe – keine Ahnung. Ich schwebte im siebten Himmel.
Herr R. wollte mit mir ausgehen!
Der Samstag kam, ich wurde abgeholt, und wir fuhren in eine Nachbarstadt und gingen dort in eine Bar. Wir saßen brav nebeneinander, tanzten mal und dann irgendwann im Laufe des Abends fragte mich Herr R., ob wir uns nicht duzen wollten.
Ich stimmte nur zu gern zu, wir bestellten noch einen Cocktail, und tranken Brüderschaft.
Tja, und dann der Kuß.
Ich hatte bis dahin noch keinen Mann geküßt.
Meine Freundin schaute mich an.
Du weißt ja, wie behütet damals Töchter aus gutem Hause aufwuchsen. Alle Mädchen, die sich gegen die starre Ordnung wehrten, taugten nicht viel.
Heute denke ich, in diesen Bürgerhäusern war die Zeit stehengeblieben.
Ich wußte nicht, was ich tun sollte.
Unsere Gesichter näherten sich, ich drehte aber vor lauter Verlegenheit und Unsicherheit meinen Kopf in letzter Sekunde etwas zur Seite, so daß ich einen Kuß auf die Wange bekam und ihm auch meinen Kuß auf seine Wange gab.
Er schaute mich mit leicht hochgezogener Augenbraue fragend an.
Ich errötete, zog verlegen die Schultern ein wenig hoch und lächelte ihn schüchtern an, während meine Augen um Verständnis baten.
Er verstand alles.
Er begriff, daß ich noch keine Blüte war, sondern eine im Wachsen befindliche Knospe. Er wußte sofort, daß ich restlos unerfahren war.
Und er lächelte verständnisvoll zurück.
Wir hatten ja noch alle Zeit der Welt.
Gunnar bat mich zum Tanz.
Frank Sinatra sang ‚Strangers in the Night’.
Strangers in the night, two lonely people
We were strangers in the night
Up to the moment
When we said our first hello.
Little did we know
Love was just a glance away,
A warm embracing dance away and –
Wir beide waren diese Fremden in der Nacht.
Gunnar umfaßte meine Taille, ich legte meine Arme um seinen Hals, lehnte meinen Kopf an seine Schulter.
Ich spürte noch lange den festen Stoff seines Jacketts und die weiche Wolle seines Rollkragenpullovers.
Wir verschmolzen während des Tanzes zu einem Körper. Ich spürte meine Schritte nicht mehr, ich sog nur den Duft seines Rasierwassers ein, um ihn für immer zu speichern.
Ich lauschte dem Klang seiner Stimme mit dem leichten ostpreußischen Akzent, den ich so liebte.
Meine Freundin machte eine Pause. Sie nahm ihre Tasse Tee und trank einen Schluck.
Auf dem Weg zurück fragte Gunnar mich, ob wir uns am nächsten Samstagabend, an dem er dienstfrei haben würde, treffen könnten.
Welch eine Frage! Natürlich wollte ich ihn wiedersehen.
Und er lud mich, zusammen mit meinen Eltern, zum Presseball Anfang des nächsten Jahres ein.
Ich war so aufgeregt, das Leben war so schön. Tief im Innern spürte ich, daß ich die Liebe meines Lebens gefunden hatte.
Lach nicht, ich hatte ja schon viele Jungen gekannt, durch die Tanzstunde, durch Parties bei Freunden, nur solch ein Gefühl hatte ich noch nie erlebt.
Sie setzte die Tasse ab.
Am nächsten Morgen erzählte ich meinen Eltern von dem Abend, und daß Gunnar und ich Brüderschaft getrunken hätten.
Mein Vater rastete aus. Das sei ja völlig unmöglich, wie ich so etwas hätte tun können.
Ich verstand die Welt nicht mehr und versuchte meinem Vater zu erklären, daß es nur ein harmloser Kuß auf die Wange gewesen sei.
Meine Freundin schaute mich tieftraurig an.
Ich habe Gunnar nie wieder getroffen, nie wieder mit ihm gesprochen, nie wieder eine Zeile von ihm gelesen.
Wie konnte ich ahnen, daß ich verraten werden würde.
Verraten von den Menschen, die ich am meisten liebte und denen ich vertraute.
Tagelang fragte ich nach der Schule, ob Gunnar angerufen hätte, ob eine Karte oder ein Brief von ihm für mich gekommen sei. Nein, nichts.
Auf meinen Einwand, wir wollten uns doch wieder treffen, wurde mir nur gesagt, er hätte wahrscheinlich erkannt, daß ich viel zu jung für ihn sei.
Ich erwähnte den Presseball.
Nichts, immer nur ein: er hat bestimmt erkannt, daß Du zu jung für ihn bist.
Die Karten für den Presseball kamen, meine Eltern fuhren mit mir dorthin.
Keine Spur von Gunnar.
Auf dem Rückweg fragten mich meine Eltern, ob ich jetzt eingesehen hätte, daß ich mir Gunnar aus dem Kopf schlagen müßte.
Ja, das hatte ich. Mein Herz war zum Stein geworden. Ich hatte verstanden, daß ich ihm nichts bedeutet hatte.
Ich versuchte, ihn zu vergessen. Ich fragte mich immer wieder, wie ich nur so dumm gewesen sein konnte, ihm zu glauben und zu vertrauen.
Einige Jahre lang ist es mir auch gelungen.
Dann hörte ich zufällig eine Bemerkung meiner Eltern, daß Gunnar R. in Las Vegas in einer Wedding Chapel geheiratet hätte, sich jetzt aber scheiden ließ. Pflichtgemäß stimmte ich in den allgemeinen Chor ein, wie unmöglich das doch sei.
Im meinem Innern aber schrie alles: diesen Mann hätte sogar ich im finstersten Kral in Afrika geheiratet!
Und mir schoß durch den Kopf: wären wir verheiratet, wir würden nicht geschieden!
Nach einigen Jahren, ich war inzwischen mit einem wunderbaren Mann verheiratet und hatte zwei kleine Kinder, arbeitete ich im Garten, als ein Kommentar von Gunnar R. im Rundfunk angekündigt wurde.
Er war es! Er war in Süddeutschland Chefredakteur einer Zeitung und sprach als Gast.
Diese Stimme hätte ich unter Tausenden erkannt. Alle alten Wunden brachen wieder auf. Mein Herz schlug bis zum Hals.
Und dann war der Kommentar vorbei.
Meine Freundin schaute mich an. So verletzt hatte ich sie noch nie gesehen.
Dann starb erst mein Vater. Als meine Mutter kurz danach erkrankte und ich wußte, daß sie sterben würde, fragte ich sie, ob sie wisse, weshalb sich Gunnar R. nie wieder gemeldet hätte.
Ja, sagte sie, das kann ich Dir sagen.
Dein Vater hat ihm strikt verboten, Dich noch einmal zu sehen.
Du solltest Dein Abitur machen und danach studieren. Das hätte mit einem so viel älteren Mann nur Probleme gegeben.
Ich konnte im Moment nichts sagen. Meine Eltern hatten mich um die grosse Liebe meines Lebens gebracht. Meine Mutter war zu krank, um ihr noch irgendwas an den Kopf zu werfen. Sie starb kurze Zeit später.
Ich selber erkrankte schwer und kämpfte um mein Leben.
Etwa 35 Jahre zu spät, begann ich, nach Gunnar zu suchen.
Ich schrieb die Zeitung an – nichts.
Ich kontaktierte den deutschen Journalistenbund – nichts.
Ich forschte im Internet – nichts.
Inzwischen liefen uns beiden die Tränen runter.
Und irgendwann versuchte ich, meinen Frieden mit meiner Vergangenheit zu schließen, um nicht an ihr zu zerbrechen. Ich suchte nicht mehr, ich grübelte nicht mehr, ich fing an, für ihn zu beten.
Falls er noch lebt, wünsche ich ihm, daß er glücklich ist.
Falls er krank ist, wünschte ich ihm eine gute Seele, die ihn pflegt.
Falls er gestorben sein sollte, bete ich, daß ein Mensch sein Grab pflegt und um ihn weint.
Damit endet die Geschichte. Ich habe meine Freundin noch gefragt, ob sie Gunnar denn gern wiedersehen würde.
Ja, ich will aber weder seine Ehe zerstören, falls er denn verheiratet ist, noch meine Ehe. Ich möchte nur aus erster Hand wissen, was mein Vater damals zu ihm gesagt hat und ob Gunnar mir noch mal geschrieben hat und ob dieser Brief von meinen Eltern unterschlagen wurde.
Jedes Jahr in der Adventszeit, so um den 6. Dezember herum, fällt mir die Geschichte meiner Freundin wieder ein.
Und jedes Jahr hoffe ich, daß sie das Gespräch noch führen kann, um einen endgültigen Schlußstrich ziehen zu können.
Und jedes Jahr lese ich Advents- und Weihnachtsgeschichten, weil sie immer gut ausgehen.
Es ist fast so, als wollte ich sie dem Schicksal vorlesen, damit auch diese hier gut ausgehen möge.
Und nun wünsche ich allen Lesern frohe und besinnliche Weihnachten.
Eure
TillEulenspiegel
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